Die
Blüten der Nacht
(GMH)
Die warmen Nächte sind die Kostbarkeiten des Sommers. Im Dämmern
und Dunkeln draußen sitzen, miteinander reden, zusammen schweigen,
die Stille genießen, das streichelt die Seele. Während die
Nacht sinkt, verändern sich die Pflanzenfarben. Grün, Blau,
Purpur und Rot verschwinden als erste im Schatten. Hellblau und Rosa lassen
sich noch lange erahnen. Die wirklichen Farben der Nacht aber sind blasses
Gelb, Creme und vor allem strahlendes Weiß. Jeden Lichtstrahl scheinen
sie aufzusaugen. In hellen Mondnächten werden sie zu Spiegeln, die
das fahle Licht reflektieren.
Wer sich auf
die Suche nach den ganz hellen Sorten begibt, stößt auf unendliche
Fülle. Fast alle beliebten Beet- und Balkonblumen gibt es in Weiß,
Blassgelb oder Creme. Zauberglöckchen und Petunien, Kapkörbchen,
Elfenspiegel (Diascia), Nemesien, Pelargonien, Schneeflockenblume und
Duftsteinrich sind nur ein winziger Ausschnitt aus dem riesigen Sortiment,
das Gärtnereien und Garten-Center anbieten.
Bei den Kübelpflanzen ist die Auswahl nicht viel geringer. Weißer
Oleander kann nächtens genauso beeindrucken, wie weiße Fuchsien,
weiße Dahlien oder die mächtigen Kaskaden weißer Hängebegonien.
Im benachbarten Beet können weiße Rosen, wie 'Schneewittchen',
Stauden, wie weißer, blau überhauchter Rittersporn, weiße
Margeriten, Schleierkraut und viele andere für den Mondscheineffekt
sorgen.
Die Krönung all der Mondscheinblüten aber, das sind die Abend-
und Nachtdufter. Ihre Blüten sind nicht nur hell, sie verströmen
auch betörende Süße. Wen sie mit ihren Düften an
einem lauen Sommerabend umhüllen, den entführen sie aus grauem
Alltag und Stress. Nur tagsüber schnuppert die Nase vergeblich an
ihnen. Sie haben sich auf Nachtfalter spezialisiert, die auf den Duftspuren
zu nächtlichem Besuch heranschweben. Meist mit großem Erfolg,
wie sich an dem meist reichen Samenansatz beobachten lässt.
Einer der intensivsten Nachtdufter ist die Weiße Lilie (Lilium candidum)
mit ihrem schweren Parfum. Konkurrenz macht ihr die Engelstrompete (alle
Brugmansiaarten bis auf Brugmansia sanguinea). Den Duft des Geißblattes
(Lonicera caprifolium) genossen schon unsere Urgroßeltern in ihrer
Geißblatt-Laube. Noch ausdauernder blüht und duftet Lonicera
heckrottii. Auch die elegante weiße Lilien-Funkie (Hosta plantaginea
'Grandiflora'), die Sterngladiole (Gladiolus callianthus 'Murielae') mit
ihren Gladiolenblüten und die Ziertabakarten Nicotiana alata und
Nicotiana sylvestris bescheren nächtliches Duftvergnügen und
dass Mondviole (Lunaria redivia), Nachtviole (Hesperis matronalis) und
Nachtkerze (Oenothera missouriensis, Oenothera tetragona) sich an die
Nacht verschwenden, das verraten schon ihre Namen.
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